Kulturdenkmal aus Lehm: Das Pisé-Haus in Weilburg an der Lahn

Datum: 31.10.2019


Über sechs Stockwerke hinweg ragt der imposante Stampflehmbau am Hang über der Hainallee. Von der Niedergasse aus sind drei Stockwerke des monumentalen Gebäudes sichtbar. Mit seinen gut 20 Metern gilt das Pisé-Haus in Weilburg (pisé ist Französisch und bedeutet stampfen) als höchstes Stampflehmgebäude Europas. Das Kulturdenkmal wurde um 1835 von dem Pionier des Stampflehmbaus Wilhelm Jakob Wimpf errichtet und wird derzeit restauriert. Das Gebäude stand viele Jahre leer und wurde 2016 von der Stadt Weilburg im Zuge der Altstadtinitiative erworben, die es im Jahr 2017 an einen Investor veräußerte, der es nach umfangreicher Restaurierung wieder als Wohngebäude nutzen will.

Der Erbauer Wimpf war ein Kind der Stadt und lebte von seiner Geburt im Jahr 1767 bis zu seinem Tod 1839 in Weilburg. Er experimentierte seit 1790 mit dem Baustoff Lehm, der in der damaligen Zeit eine Alternative zum teuren und knappen Eichenholz darstellte. In der Kernstadt Weilburg existieren heute noch 41 Gebäude, bei denen der natürliche Baustoff eingesetzt wurde. Auch das älteste Pisé-Haus Deutschlands, dessen Entstehung auf das Jahr 1790 datiert wird, befindet sich hier. Hinzu kommen noch einmal rund 300 Gebäude in der Region um Weilburg, die in dieser Lehmbautechnik erbaut wurden. Weilburg an der Lahn verfügt demnach über das größte Vorkommen von Bauwerken dieser Art in Deutschland. Das Pisé-Haus an der Niedergasse wurde von Wimpf als Büro- und Wohnhaus konzipiert. Hier soll seine Familie gewohnt und sich zudem Büros befunden haben.

Heute ist der in Weilburg ansässige Lehmbau-Experte Udo Sartorius für die Restaurierungsarbeiten verantwortlich. Dank seiner langjährigen Erfahrung wird der historische Stampflehmbau bald wieder in voller Pracht erstrahlen. Sartorius ist seit mehr als 25 Jahren auf Lehm- und Fachwerkbauten spezialisiert und berichtet über das anspruchsvolle Projekt: „Bei der Bestandsaufnahme vor Beginn der Arbeiten konnten wir eine gut erhaltene Substanz des Gebäudes feststellen. Bemerkenswert sind die aus Ziegeln gefertigten Kreuzgewölbe im Keller, die trotz der Hanglage des Gebäudes keine Risse aufweisen. Allerdings weist der Lehmbaukörper, der aus regionalem Berglehm gefertigt ist, insbesondere unter den Fenstern erhebliche Ausbruchstellen auf.“ Der Lehmbau-Experte ergänzt: „Der Weilburger Berglehm, seinerzeit als Abraum gewonnen, zeichnet sich durch eine ideale Mischung von Lehm, Gestein, Sanden und Estrichkies aus. Diese Kornverteilung sorgt für eine ausgesprochen gute Haltbarkeit und Statik der Stampflehmwände.“

Für die Materialien zur Sanierung im und am Haus verließ sich Sartorius auf einen der führenden Anbieter für Baustoffe aus Lehm, die Firma conluto aus dem ostwestfälischen Blomberg. Denn schnell war klar, dass für ein solches Projekt umfangreiche Erfahrung gebündelt werden musste. Jörg Meyer, Inhaber von conluto, erinnert sich an die ersten Gespräche: „Für die Innenseite der Außenwände wurde in Abstimmung mit der Denkmalschutzbehörde und dem Energiegutachter eine Leichtlehmputzschicht vorgesehen.

So konnten die bauzeitlichen Fußleisten, die in diesem Gebäude sehr prägend sind, erhalten werden. Da das Gebäude auch gesamtenergetisch saniert wurde, stellt diese Form eine sinnvolle und substanzerhaltende Maßnahme dar, obwohl sie nicht der originalen Wiederherstellung entspricht.“ Die verwendeten Lehm-Baustoffe wurden in enger Zusammenarbeit mit dem Lehmbauer entwickelt und in Blomberg gefertigt. Entscheidende Bedeutung kam dabei der zu erhaltenden Diffusionsfähigkeit - umgangssprachlich „Atmungsaktivität“ - des Gebäudes zu. Neben dieser positiven Eigenschaft für Wasserdampf kommt auch der hohen Kapillarität große Bedeutung zu. Diese Fähigkeit des Baumaterials sorgt dafür, dass kritische Feuchtigkeitsansammlungen verhindert werden und wird von Lehmbaustoffen bestens erfüllt. Beide Faktoren „Diffusionsfähigkeit“ und „Kapillarität“ sind bei der Lehmbau-Restaurierung entscheidet. Um sie zu gewährleisten, muss der Wandaufbau ganzheitlich betrachtet werden. Für den Außenputz wurde daher eine Mischung aus Kalk, Sand und Kalbshaaren gefertigt. Im Innenbereich wurde je nach Untergrundbeschaffenheit mit Lehm-Unterputz, Lehmsteinen, Schilf und Stroh gearbeitet. Den Oberflächenabschluss der Innenwände stellt eine Schicht Lehm-Feinputz dar, die mit Kalk- oder Silikatfarbe gestrichen wurde. Für eine reibungslose Logistik und Versorgung der Baustelle mit den benötigten Baustoffen sorgte die Firma Hermann Stroh aus Weilburg. Der Geschäftsführer Jochen Rathschlag engagierte sich persönlich für dieses Projekt und stand Udo Sartorius zu jeder Zeit mit Rat und Tat zur Seite.

Neben den fachlichen Ansprüchen an Handwerker und Lieferanten kamen natürlich auch Kriterien des Denkmalschutzes zum Tragen. Hierzu Udo Sartorius: „Der Denkmalschutz sieht vor, dass der Bau in nahezu ursprünglicher Form saniert wird, um dem Status eines Kulturdenkmals weiterhin gerecht zu werden. Die Anforderungen hierfür sind nicht höher als für Bauten ohne Denkmalschutz, nur anders. Im Gegenteil, viele Vorschriften sind bei Denkmalen sogar abgemildert und vereinfacht. Zwar müssen denkmalwürdige Fenster, hier vier von insgesamt achtzig Stück, Fensterläden und Türen erhalten und aufgearbeitet werden und bestimmte Maßnahmen, wie das Vereinigen von zwei Fenstern zu einem querliegenden Großfenster sind tabu.“ Sartorius weiter: „Dies stellt alle beteiligten Baufirmen vor Herausforderungen, die dann besprochen werden müssen. Ich habe noch nicht erlebt, dass jemand von der Denkmalschutzbehörde mit Problemen alleine gelassen wurde.“

Das Landesamt für Denkmalpflege des Landes Hessen befand im Jahr 1986, dass alle denkmalwürdigen Gebäude im Hinblick auf geschichtliche, künstlerische und technische Gründe in der Denkmaltopographie wiedergegeben werden. Es wird dabei zwischen Einzeldenkmälern und Gebäudegruppen unterschieden. Bei dem Pisé-Haus handelt es sich um ein Einzeldenkmal und schon vor über 100 Jahren wurde es von Fachleuten als einzigartiges Baudenkmal beschrieben. Das Gebäude ist heute noch nahezu im Originalzustand erhalten und nur eine Gebäudeseite wurde zum Schutz vor Witterungseinflüssen mit einer Schieferabdeckung versehen.

Bild und Textquelle: Jörg Meyer / conluto I Vielfalt aus Lehm

zurück

Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angebote ist ausschließlich der jeweilige Anbieter verantwortlich. Die Betreiber des Marktplatz Limburg-Weilburg übernehmen keinerlei Haftung.

Marktplatz Limburg-Weilburg
Sie möchten Ihr Unternehmen, Ihren Verein oder News darstellen?
E-Mail: oder Telefon: 06431 - 914619

 

Die Wirtschaftsregion Limburg, Weilburg, Diez liegt zentral zwischen Frankfurt am Main und Köln mit sehr guten Verkehrsanbindungen in alle Richtungen. Mehr als 170.000 Menschen leben in dieser Region. Vielen von ihnen pendeln vor allem in das Rhein-Main-Gebiet, dabei gibt es in der Region Limburg viele große und interessante Unternehmen mit spannenden beruflichen Herausforderungen. Der Marktplatz Limburg-Weilburg stellt die Unternehmen der Region vor. Das Jobportal jobsinlimburgweilburg.de präsentiert die vielen interessanten Stellenangebote der Unternehmen, die Partner des Portals geworden sind.

 

Der Marktplatz Limburg-Weilburg und jobsinlimburgweilburg.de werden unterstützt von:

 

jobsinlimburgweilburg wird unterstützt vom Landkreis Limburg-Weiburgjobsinlimburgweilburg wird unterstützt von der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Limburg Weiburg Diezjobsinlimburgweilburg wird unterstützt von der Kreishandwerkerschaft Limburg-Weiburgjobsinlimburgweilburg wird unterstützt von der Kreissparkasse Limburg

© 2020 marktplatz-limburg-weilburg.de | AGB | Nutzungsbedingungen | Kontakt | Datenschutzerklärung | Impressum

Marktplatz Limburg-Weilburg auf Youtube

Marktplatz Limburg-Weilburg bei Facebook Marktplatz Limburg-Weilburg bei Instagram