Wieder mehr Handwerker, aber noch lange nicht genug

Unternehmen: Kreishandwerkerschaft | Datum: 07.05.2020


Dem Handwerk fehlt der Nachwuchs. Die jungen Leute wollen lieber studieren oder eine Ausbildung in einem Büroberuf machen: So lautet seit Jahren die verbreiteten Klage. Inzwischen stellt sich die Situation etwas vielschichtiger da, wie Stefan Laßmann, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Limburg-Weilburg berichtet.

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Marktplatz Limburg-Weilburg: Wie schlimm ist der Nachwuchsmangel im Handwerk wirklich?

Stefan Laßmann: Viele Betriebe haben angesichts voller Auftragsbücher deutlich zu wenig Nachwuchs, aber seit etwa 2016 erleben wir wieder eine steigende Zahl junger Leute in der Ausbildung im Handwerk.

Marktplatz: Was sind die Gründe für die erfreuliche Entwicklung?

Stefan Laßmann: Tatsächlich haben die Flüchtlinge einen spürbaren Anteil an diesem Aufschwung. Sie machen über alle Branchen hinweg inzwischen rund zehn Prozent der Auszubildenden aus. Ich habe den Eindruck, dass ihre Integration im Handwerk besser funktioniert als zum Beispiel in großen Industrieunternehmen. Denn in den meist kleineren Betrieben im Handwerk sind die jungen Leute stärker gezwungen, sich mit der Sprache und dem täglichen Umgang mit Kollegen und Kunden auseinanderzusetzen.

Marktplatz: Die Integration der Flüchtlinge ist also eine große Erfolgsgeschichte.

Stefan Laßmann: Eindeutig erbringt das Handwerk eine große Integrationsleistung, aber das Thema muss differenziert betrachtet werden. Wir haben unter den Flüchtlingen auch eine besonders hohe Quote von jungen Menschen, die die Ausbildung nicht schaffen. Das ist je nach Branche unterschiedlich, dürfte aber insgesamt bei rund der Hälfte liegen. Oft sind die vorher erworbenen schulischen Qualifikationen zu gering. Das ist allerdings auch ein Problem bei viele Auszubildenden aus in Deutschland eingesessenen Familien. Dazu kommt als weitere Schwierigkeit das Sprachniveau, das bei Flüchtlingen trotz zusätzlichen Unterrichts oft zu niedrig bleibt. Dennoch haben sie einen großen Anteil an den leicht nach oben zeigenden Ausbildungszahlen im Handwerk.

Marktplatz: Welche weiteren Trends tragen dazu bei?

Stefan Laßmann: Interessanterweise ist in den vergangenen Jahren auch der Anteil der Abiturienten angestiegen, auf inzwischen rund 14 Prozent neben rund 33 Prozent Hauptschulabsolventen und dem restlichen Anteil mit mittleren Schulabschlüssen. Da erkennen offenbar manche junge Menschen und auch ihre Eltern, dass ein fundiert ausgebildeter Handwerker oder eine Handwerkerin bessere Karriereaussichten hat als der tausendste BWLer oder die tausendste Juristin. Interessanterweise scheint Zimmerer eine Art Trendberuf gerade für Abiturienten geworden zu sein.

Marktplatz: Wie sieht es sonst mit der Rangliste verschiedener Ausbildungsberufe bei jungen Leuten aus?

Stefan Laßmann: Da haben die seit Jahren beliebten Berufe auch das stärkste Wachstum beim Zulauf zu verzeichnen. Bei den jungen Männern sind das die Kfz-, Elektro- und Sanitärberufe, bei den jungen Frauen die Friseurin.

Marktplatz: Also scheint das Nachwuchsproblem beim Handwerk entschärft zu sein.

Stefan Laßmann: Leider nicht. Das wäre eine voreilige Annahme. Angesichts guter Auftragslage fehlen in vielen Berufen und Betrieben noch immer junge Leute, insbesondere im Hochbau und in den Nahrungsmittelberufen. Außerdem geht es nicht nur um Lehrlinge und Gesellen. Vielfach fehlen auch diejenigen, die ihre Chance ergreifen, die Meisterprüfung ablegen und sich selbstständig machen bzw. die Nachfolge an der Spitze eines bestehenden Betriebs übernehmen. Zum Beispiel werden in den kommenden Jahren viele Meisterinnen und Meister im Friseurhandwerk aus Altersgründen in Ruhestand gehen. Für sie ist die Nachfolge in vielen Fällen noch nicht geregelt.

Marktplatz: Wenn also noch dringend Leute gebraucht werden: Wie kann man Anreize setzen?

Stefan Laßmann: Man kann gar nicht oft genug betonen, dass das Handwerk eine krisenfeste, finanziell attraktive Karrieremöglichkeit ist, die viele Aufstiegschancen bietet. Vielleicht noch wichtiger ist, dass ich als Handwerker täglich vor mir sehe, was ich geschaffen habe, ob das jetzt ein Werkstück aus Holz, Stein oder Metall, eine Torte oder eine Frisur ist. Das stiftet in meinen Augen viel mehr persönlichen Sinn als eine sicher ebenfalls nötige Verwaltungstätigkeit, die aber erst mal kein handfest greifbares Ergebnis zeigt. Außerdem kann man auch in wirtschaftliche schwierigen Zeiten davon ausgehen, dass die Kunden immer jemanden brauchen, der das Auto repariert, Brot bäckt oder einen Fußboden verlegt.

Marktplatz: Bei der Wahl der Ausbildung werden die meisten jungen Menschen aber eher den Verdienst und die Aufstiegschancen im Blick haben.

Stefan Laßmann: Das ist sicher richtig, und oft sind die Eltern die eigentlichen Entscheidungsträger oder wirken zumindest erheblich mit. Was den Verdienst betrifft, sind die Einstiegsgehälter für Gesellen in vielen Handwerksberufen heute vergleichbar mit denen eines Berufsanfängers mit Studienabschluss. Man erreicht diese Stufe aber schon ein paar Jahre früher und kann auf ihr aufbauen. Was viele nicht wissen: Mit einer Prüfungsnote in der Gesellenprüfung von besser als 2,5 erhält man die Fachhochschulreife in passenden Fächern. Außerdem ist eine Handwerkslehre, anders als die meisten anderen Ausbildungen, international anerkannt. Unter dem Strich gilt es, für jeden die passende Aufgabe im Leben zu finden: Es kann nicht jeder im Handwerk, aber auch nicht jeder im Büro glücklich werden. Und es braucht auch niemand auf die anderen herabzuschauen.

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